Ballons steigen lassen bei der Hochzeit?

An die Trauzeugen, Freunde und Familie

Diesen Artikel, der primär nichts mit Fotos zu tun hat, schreibe ich vor allem für die Trauzeugen, Freunde und Familie von Brautpaaren.

Ich schreibe in ganz eigener Sache, weil es mich in den letzten Jahren, in denen ich Hochzeiten begleitet habe, sehr zum Nachdenken gebracht hat. Und ich schreibe dies als jemand, der viele Hochzeiten erlebt und dadurch einen anderen Blickwinkel auf das Geschehen hat als jemand, für den die Organisation einer Hochzeit eine außergewöhnliche oder gar einmalige Aktion ist.

Lauter gute Wünsche fliegen lassen

Auf vielen Hochzeiten – bei fast jeder Hochzeit, die ich begleitet habe, war es der Fall – werden Ballons steigen gelassen. Meist organisieren dies Trauzeugen, Familie oder Freunde als Überraschung für das Brautpaar, und der Flug der Ballons in den Himmel kann – wenn Wetter, Wind und Umgebung passen – wirklich schön aussehen. Oft hängen Karten an den Ballons mit guten Wünschen für das Brautpaar, vielleicht mit der Bitte, der Finder möge sie zurücksenden. Bis hierhin ist die Sache ganz romantisch und für die Beteiligten etwas Besonderes.

Das unschöne Ende der Reise

Sind die Ballons aus dem Sichtfeld geflogen, geht ihre Reise erst richtig los. In den allermeisten Fällen endet sie nicht bei aufmerksamen Findern, die die Postkarte frankieren, an das Brautpaar zurückschicken und den Ballon-Abfall entsorgen – sondern sie endet irgendwo im Wald, im Feld, in Gewässern, oft in Naturschutzgebieten, oder im Fluss, der den Plastikabfall schließlich ins Meer bringt. An all diesen Stellen machen die Ballon-Abfälle große Probleme. Tiere, an Land wie im Wasser, nehmen die Ballon-Reste versehentlich auf und verenden daran, weil das Material den Darm verstopft. Sie verheddern sich in den Schnüren und erdrosseln sich damit. (Lies z.B. hier, hier, hier und hier.) Diese Folgen sind auf ganzer Linie unschön und sicherlich überhaupt nicht im Interesse all der guten Wünsche, die auf der Hochzeit in den Himmel geschickt wurden. (In manchen Gegenden und Ländern ist das Steigenlassen von Ballons bereits verboten.)

Solche Bilder sind erschreckend, man will sie nicht sehen. Ich war selbst überrascht und wusste vieles davon nicht, v. a. war mir das Ausmaß des Problems nicht bewusst. Mancher mag es belächeln, wenn man Ballons an Hochzeiten unter dem Umweltaspekt kritisch betrachtet. Viele machen sich kaum Gedanken, oder glauben nicht, dass das so tragisch ist. All diese Sichtweisen entspringen nach meiner Beobachtung einem Informationsdefizit über die tatsächliche Dimension der ganzen Sache. Denn: Es ist nicht nur diese eine Hochzeit.

Es ist nicht nur diese eine Hochzeit.

Das ist der Knackpunkt der ganzen Sache: Ich habe mittlerweile so viele Ballonflüge gesehen, dass Überlegungen über Sinn und Unsinn des Ganzen sich zwangsläufig einstellen müssen.

Im Jahr 2018 gab es in Deutschland fast 450.000 Eheschließungen. Auch wenn nicht alle feiern, sind das dennoch zehntausende Hochzeitsfeiern jedes Wochenende (allein in Deutschland), von denen bei den allermeisten nach wie vor Ballons in den Himmel fliegen – und irgendwo landen, wo sie absolut nicht hingehören und großen Schaden anrichten können.

Wie das für mich ist

Ich verstehe es, wenn man sich als Trauzeuge oder Verwandter / Freund des Paares diese Dimension zunächst nicht klarmacht, nicht darüber nachdenkt im Trubel der Hochzeitsorganisation.

Deshalb schreibe ich das hier. Weil es vielleicht Menschen erreicht, die sich dadurch Gedanken machen, die sie sich sonst nicht gemacht hätten. Weil ich als Hochzeitsfotografin so unglaublich viele Ballons in den Himmel habe fliegen sehen, dass ich mittlerweile jedesmal sehr zwiegespalten bin, wenn ich diese Ballonflüge fotografiere. Gleichzeitig ist für mich klar: Ich bin Dienstleister, kein Erzieher oder Umweltberater. Ich werde mich an einer Hochzeit niemals wertend äußern und fotografiere jeden Ballonflug meiner Kunden. Aber keinen davon zeige ich auf meiner Webseite. Ich möchte nicht aktiv den Eindruck bestärken, dass eine Hochzeit unbedingt fliegende Ballons braucht.

„Und was ist dann mit…“

Nebenbei: Es geht nicht um die Frage, welche vielen anderen Aspekte bei einer Hochzeit ebenfalls kritikwürdig wären – da findet sich natürlich vieles. Aber mit solchen Relativierungsversuchen das Problem kleiner zu reden, funktioniert nicht und bringt uns nicht weiter („Whataboutism“). Nur weil man nicht alles perfekt machen kann, bedeutet das nicht, dass man nichts tun soll. An jeder kleinen Stellschraube kann man drehen – und hier ist dies vermeidbarer Abfall, der in großem Stil anfällt und dort, wo er landet, viel Schaden und Leid anrichten kann. Und der groteskerweise im Namen der Liebe nach oben geschickt wird.

Es ist eine Wahrnehmungs- und Wissenssache, wie man dazu steht – ob man Ballonflüge romantisch findet und nicht weiter darüber nachdenkt, oder ob man sich kritischen Gedanken öffnet und über Alternativen nachdenken möchte.

Abbaubare Ballons?

Auch sogenannte abbaubare Ballons aus Naturkautschuk brauchen für diesen Prozess viele Monate bis zu mehreren Jahren, was von den Herstellern i.d.R. verschwiegen wird. Während dieser Zeit können die Ballonreste weiterhin Schäden anrichten. Und die Schnüre – meist Geschenkband oder anderer Kunststoff, aber auch „abbaubare“ Materialien in den Jahren des Abbauprozesses – bleiben ebenfalls eine große Gefahr. Von einer Unbedenklichkeit, mit der die Hersteller werben, kann also keine Rede sein. Das oft angeführte Argument, die Reste aus „abbaubaren Ballons“ würden sich so schnell zersetzen wie ein Eichenblatt, ist Augenwischerei: Tatsächlich braucht ein Eichenblatt viele Monate bis Jahre für seine Zersetzung – insofern mag die Aussage stimmen. Das Eichenblatt jedoch verrottet, ohne dabei Schäden anzurichten – im Gegensatz zum Ballonmaterial. Hier werden also Äpfel mit Birnen verglichen. Lasst Euch davon nicht verschaukeln.

Eine wirkliche Alternative sind sog. abbaubare Ballons also nicht. Es läuft daher wirklich auf den Verzicht auf fliegende Ballons hinaus – und auf Alternativen, von denen es eine Menge gibt!

Alternativen…

Es gibt viele Alternativen für Ballons – hier nenne ich Euch welche, die mindestens genauso effektvoll sind:

  • Seifenblasen (fliegen wunderschön, machen allen Spaß, auch den ganzen Hochzeitstag über. Tolle Fotomotive!)
  • Wedding Wands (Bänder und ggf. Glöckchen an kleinen Stäben, mit denen man dem Brautpaar, z.B. im Spalier, zuwedeln kann)
  • Schaumherzen, die in den Himmel steigen
  • Flaggen, Banner, Drachen

…für gute Wünsche

Auch für gute Wünsche an Euer Paar gibt es sehr schöne Ideen – bei denen die Wünsche auch tatsächlich beim Paar ankommen. Ist das nicht viel schöner, als sie einfach davonfliegen zu lassen? – Hier ein paar der Ideen, die ich bereits auf Hochzeiten erlebt habe und echt schick fand:

    • Zeitkapseln: Gute Wünsche an das Brautpaar werden in eine Truhe o.ä. verschlossen und dem Paar überreicht – es darf sie erst (weit) in der Zukunft öffnen
    • Wünschewäscheleine: Eine Wäscheleine mit (ggf. vorfrankierten) Postkarten an das Brautpaar für jede Kalenderwoche des (Folge)Jahres. Gäste nehmen die Karten mit und schicken sie in den jeweiligen Wochen raus. Auf diese Weise erhält das Brautpaar noch ein ganzes Jahr lang jede Woche ein Einnerungsstück der eigenen Hochzeit zurück.
    • Schlüsselbrett: Schlüssel mit angebundenem Schild werden an die Gäste verteilt, die gute Wünsche darauf schreiben und sie an das Schlüsselbrett hängen

Habt Ihr noch mehr Ideen? Schreibt sie gern ins Kommentarfeld unten.

Und wenn doch jemand Ballons besorgt?

Man hat nicht alles in der Hand. Auch wenn das Paar vielleicht keine Ballons möchte, steht bei der Hochzeit evtl. doch jemand mit einer riesigen Menge Ballons da. Was tun?

Man muss die Ballons nicht zwingend steigen lassen. Sie können z.B. die ganze Feier begleiten und die Location zieren, wenn man sie an verschiedenen Stellen festbindet, oder im Festsaal an die Decke steigen lässt. (So hat man doch noch einen Himmel voller Ballons!)

Meine Zusage

Ich möchte im Rahmen meiner Möglichkeiten daran mitwirken, das Bewusstsein zu schärfen für die Probleme, die Ballons mit sich bringen, aber ohne jemanden zu bevormunden. Umdenken erfordert oft viel Zeit. Deshalb informiere ich hier, wo jeder frei ist, die Information zu verwerten, wie er es für richtig hält. Wenn ich nach Ideen und Tips für Hochzeiten gefragt werde, lasse ich Ballonflüge unerwähnt (verweise ggf. auf diesen Beitrag) und nenne schöne Alternativen. Und für jede Hochzeit, die ich begleite und auf der keine Ballons steigen gelassen werden, spende ich 20 Euro an TheOceanCleanup.

4 Comments

  1. Meike Pfirrmann

    Ein guter Denkanstoß! Habe ich mir tatsächlich auch noch keine großen Gedanken gemacht. Bezüglich der guten Wünsche habe ich auf einer Hochzeit meiner Freundin ein sehr schönes Ritual miterlebt. Dort wurde unter allen Gästen ein langes Schmuckband ausgeteilt. An diesem Band wurden dann die Trauringe aufgefädelt und gingen dann von Hand zu Hand. Jeder bei dem die Ringe gerade waren hat ein paar Wünsche oder Ratschläge an das Brautpaar gerichtet und die Ringe dann weiter geschoben. So wurden die Trauringe quasi mit allen guten Wünschen „besprochen“ und das Brautpaar trägt sie so immer bei sich. Fand ich total schön.
    Man muss dazu sagen, dass es eine kleine nicht kirchliche Trauung war, mit etwa 50 Gästen. Bei größeren Gesellschaften ist das natürlich schwierig.

  2. Tatsächlich hatte ich mir dazu bislang auch noch keine so intensiven Gedanken gemacht. Ich selber vermeide zwar auch Plastikmüll wo es geht, aber bei Hochzeiten ist das Problem wirklich die Masse!
    Schön, dass alle meine Brautpaare der letzten Jahre mittlerweile auch schon von selber umgeschwenkt sind auf Alternativen, wie auch die von dir genannten, Glöckchen & Seifenblasen 🙂
    Die anderen Ideen sind auch toll! Werde ich auf jeden Fall mit neuen Brautpaaren auch so besprechen 🙂 Danke für den schönen Denkanstoß.

    Als weitere Idee und eigentlich sehr simpel – Wünsche ins Gästebuch schreiben. Ist sowieso am schönsten, weil man diese Wünsche behält und sich immer wieder durchlesen kann 🙂

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